Sonntagsjournal 29. März 2009
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Tragisches Ende in Sandbostel

 
 

Surinamischer Volksheld Anton de Kom starb im Stalag X B - Niederländisches TV-Team dreht vor Ort

 
   
 
Aufnahme vor den historischen Unterkunftsbaracken in der Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbsotel: links im Hintergrund Sprecherin Gerda Havertong, rechts Regisseurin Ida Does mit dem niederländischen Kamerateam.    Fotos: sj
 
 

Sandbostel. In seinem Heimatland  Suriname  ist Anton de Kom  (1898-1945) Volksheld. In der Hauptstadt Paramaribo wurde die Universität nach ihm benannt, und mehrere Denkmale erinnern an das Leben des Sozialisten, Autors und Widerstandskämpfers (siehe Info-Kasten  unten). De Korns 1934 veröffentlichtes Werk Wij slaven van Suriname" (Wir  Sklaven  von Suriname")  gilt  bis  heute als antikoloniales Standardwerk.  Sein Leben endete 1945 im KZ-Auffanglager in Sandbostel. Diese Woche begab sich ein niederländisches TV-Team auf dem ehemaligen Lagergelände auf Spurensuche.

Als  Anton de Kom Sandbostel erreichte, war er vermutlich schon so geschwächt, dass er nicht mehr gehen konnte." Das berichtet Andreas Ehresmann, Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel, im Gespräch mit dem SJ. De Kom sei einer jener „Evakuierungshäftlinge" aus dem KZ Neuengamme gewesen, die von den Nazis im April 1945 vor der näher rückenden Front in Richtung Sandbostel geschafft wurden.
Ehresmann: „Schilderungen sagen aus, dass de Kom über Brillit nach Sandbostel kam. Er soll schon so geschwächt gewesen sein, dass er in einer Lore transportiert wurde." Fest steht: Gemeinsam mit Tausenden anderen Leidensgenossen wurde de Kom anschließend im Bereich des ehemaligen Marlag (Marinelager) eingepfercht. In diesem Areal des Sandbosteler Lagers wurden die Gefangenen eine Woche quasi sich selbst überlassen. Es  gab so gut wie keine Nahrung, keinerlei medizinische Versorgung, und es wimmelte vor Ungeziefer. Offiziell starb Anton de Kom am 24. April 1945 an Tuberkulose. „Vermutlich war es zwischen dem 14. und 20 April", nimmt Andreas Ehresmann an.
Sicher ist, dass Anton de Kom noch heute in seinem Geburtsland Suriname ein Volksheld ist und für seinen Kampf gegen die damalige Kolonialmacht Niederlande verehrt wird. Der auch in Sandbostel gedrehte Film von Produzentin Ingrid Lochern soll in den Niederlandern Jugendlichen gezeigt werden, auch jenen mit surinamischen Wurzeln, um sie über das Leben von Anton de Kom zu informieren

 
   
 
Dreharbeiten in Sandbostel: Regisseurin Ida Does (links) bereitet mit Sprecherin Gerda Havertong eine Szene vor. Das niederländische Filmteam drehte auf dem Lagergelände einen Beitrag über Anton de Kom. Der Niederländer surinamischer Abstammung wurde Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis aus Holland verschleppt und kam in Sandbostel um. In Suriname ist de Kom wegen seines Kampfes für die Entkolonialisierung ein Volksheld.
 
 
In Amsterdam erinnern ein nach Anton de Kom benannter Platz und eine Büste an den Volkshelden aus Suriname. In Amsterdam erinnern ein nach Anton de Kom benannter Platz und eine Büste an den Volkshelden aus Suriname.
 
     
 

Cornelis Gerard Anton de Korn wird am 22. Februar 1898 in der surinamischen Hauptstadt Paramaribo, im Nordosten Südamerikas, geboren. Sein Vater Adolf Dämon de Kom war gerade knapp ein Jahr alt, als in der niederländischen Kolonie Niederländisch-Guayana am 1. Juli 1863 die Sklaverei abgeschafft wurde. Seine Mutter Judith war die Tochter freigekaufter Sklaven. Anton de Kom hat fünf Geschwister. An die Sklavenvergangenheit seiner Familie wird er durch seinen Nachnamen erinnert. „De Kom“ ist die Umkehrung von „Mok“, dem Nachnamen des Sklavenhalters seiner Vorfahren. Anton de Kom besucht inSuriname die Schule und schließt seine Ausbildung mit einem Diplom für Buchhaltung ab. Von 1916 bis 1920 arbeitet er als Büroangestellter bei den „Balata Compagnieen Suriname en Guyana“. Anschließend nimmt er eine Anstellung bei der „Societe Commerciale Hollandaise Transatlantique“ in Haiti an. 1921 kommt de Anton de Kom in die Niederlande und leistet einen einjährigen freiwilligen Dienst beim 2. Husarenregiment in Den Haag ab. Ab 1922 arbeiteter in einem Beratungsbüro in Den Haag, wird jedoch nach einem Jahr entlassen. De Kom wird Vertreter für Kaffee, Tee und Tabak und lernt seine spätere Ehefrau, die Niederländerin Petronella Catharina Borsboom, kennen, die er 1926 heiratet und mit der er vier Kinder hat.

De Kom ist zu dieser Zeit in verschiedenen linken Organisationen tätig, unter anderem in nationalistischen Organisationen indonesischer Studenten und bei der Zeitschrift „Links Rich- Ten“, in der er unter dem Pseudonym Adek (Anton de Kom) publiziert. Im Februar 1927 nimmt er am „International Congress against Colonial Oppression and Imperialism“ in Brüssel teil.
1927 wird de Kom zum ersten Mal verhaftet - wegen aufrührerischer kommunistischer Tätigkeiten. Ende 1932 schifft er sich mit seiner Familie nach Paramaribo ein. Ein Grund für die Reise nach Suriname ist die schwere Erkrankung seiner Mutter. Kurz darauf eröffnet er in Suriname ein Beratungsbüro für Hilfesuchende. Ziel: Er will einen breiten Konsens unter Schwarzen, Indern, einheimischen Surinamern und Arbeitern aus Java herstellen. Sein Büro wird sofort Anlaufpunkt für die antikoloniale Bewegung.
Im Februar 1933 wird de Kom verhaftet. Tausende demonstrieren für seine Freiheit. Bei einer Kundgebungen kommen am 7. Februar 1933 zwei Menschen durch Polizeisalven ums Leben. 22 Demonstranten werden verwundet. De Kom bleibt unter Arrest und wird im Mai 1933 mit seiner Familie nach Amsterdam ausgeschifft. 1934 publiziert de Kom das antikoloniale Standardwerk  „Wij  slaven van Suriname“ („Wir Sklaven von Suriname“), für das er bereits seit 1926 Material gesammelt hat. Es wird in den Niederlanden in einer zensierten Ausgabe veröffentlicht. 1935 erscheint in Zürich und Moskau die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Augusta de Wit unter dem Titel „Wir Sklaven von Suriname“.
Nach der Besetzung derNiederlande durch Nazi-Deutschland im Jahr 1940entschließt sich de Kom, aktiv am Widerstand teilzunehmen, obwohl er der Gestapo wegen seiner Hautfarbe und seines politischenEngagements bekannt ist. Er wird Mitarbeiter der Untergrundzeitung „De Vonk“.
Am 7. August 1944 wird de Kom auf der Straße durch die Gestapo verhaftet. Es beginnt für ihn eine Tortur durch verschiedene Konzentrationslager. Zunächst wird er im „Oranje Hotel“ in Scheveningen gefangen gehalten und anschließend ins niederländischen KZ Vught deportiert. Schließlich landet er im KZ Neuengamme. Als die Alliierten im Frühjahr 1945 immer weiter nach Deutschland vordringen, wird de Kom mit Tausenden anderer KZ-Häftlinge von Neuengamme nach Sandbostel verlegt. Vermutlich ist er zu diesem Zeitpunkt schon stark geschwächt.
Am 24. April 1945, andere Quellen geben den 14. bis 20. April an, stirbt de Kom in Sandbostel an Tuberkulose. Sein Leichnam wird in einem Massengrab in der Nä­he von Mintenburg verscharrt. Zwischen 1954 und 1956 werden seine Gebeine von den Franzosen auf die heutige Kriegsgräberstätte umgebettet, wo sein Leichnam 1960 erneut exhumiert und nach Holland gebracht wird. Dort wird sein Leichnam auf dem „Erebegraafplaats“ von Loenen beigesetzt. Erst 1971 erscheint die erste unzensierte Ausgabe von „Wij slaven van Suriname“.
Am 25. November 1975 erlangt Suriname die Unabhängigkeit von den Niederlanden und wird zur Republik Suriname. 1983, in der Zeit der linken Militärdiktatur, wird die Universität von Paramaribo nach Anton de Kom benannt (Kurzbezeichnung: ADEK). In Amsterdam wird ein Platz, der „Anton de Kom-Plein“ im Südosten der Metropole, nach Anton de Kom benannt. Im Jahr 2006 wird auf dem Platz ein Standbild de Korns enthüllt. (sj/alg)

 
 
Anton de Kom Geboren in Paramaribo, gestorben in Sandbostel: der surinamesische Volksheld Anton de Kom.       (sj)
 
     

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