|
Jahresrückblick 2007
![]() |
Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel Sandbostel, den 17.12.2007 Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, das Jahr 2007 neigt sich dem Ende zu, und wir wollen diesen Anlass nutzen, um in einem Rückblick noch einmal die Ereignisse und Entwicklungen des vergangenen Jahres in der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel Revue passieren zu lassen. Ende 2006 hätten wohl nur hoffnungslose Optimisten prognostiziert, dass 2007 eine funktionierende – wenn auch noch provisorische – Dokumentationsstätte auf dem historischen Lagergelände eingerichtet wird, dass wir in sechs Monaten über 2200 Besucherinnen und Besucher zählen konnten, dass es eine hauptamtliche Stelle gibt und dass 450.000 Euro für Sicherungsmaßnahmen zur Verfügung stehen werden. Auf diesem Wege möchten wir uns bei Ihnen bedanken für die vielfältigen Formen der Unterstützung, die Sie uns haben zuteil werden lassen, sei es durch materielle, praktische oder ideelle Unterstützung, durch Beratungen, Diskussionen oder Kritik, sei es durch eine wohlwollende Berichterstattung oder durch die Teilnahme an Veranstaltungen. Allgemeines: Im Laufe der vergangenen Monate konnten bereits einige der in der Tagungsresolution geforderten Maßnahmen realisiert werden: Ab April wurde von den Berliner Bauhistorikern Bärbel Schulz und Axel Drieschner eine umfangreiche baugeschichtliche Untersuchung der historischen Lagergebäude auf dem Gelände der Stiftung Lager Sandbostel und z. T. auch auf dem Restgelände der Firma Edelmann durchgeführt. Anhand eines Bauphasenplanes lässt sich nun die Bausubstanz dezidiert in die lagerzeitlichen und die späteren Bau- und Umbauphasen einteilen. Am wichtigsten war die Erkenntnis, dass die Außenhaut der Holzbaracken von 1940 im Wesentlichen noch bauzeitlich ist. Ebenfalls ab April wurde der gesamte Gebäudebestand des Stiftungsgeländes von der Rotenburger Architektin Brigitte Haase im Auftrag des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege dokumentarisch fotografiert, und im Mai 2007 legte der Hannoveraner Architekt Michael Wagner im Auftrag des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege einen „Masterplan“ vor, der erste Anregungen für die weitere Gestaltung des Geländes bietet. Ein ganz wichtiger Schritt voran war sicherlich die Anmietung eines zusätzlichen Gebäudes auf dem ehemaligen Lagergelände durch den Gedenkstättenverein im Juli 2007. Die von diesem betriebene bisherige Dokumentationsstätte im 10 km entfernten Bremervörde konnte nun aufgelöst und in die neuen Räumlichkeiten verlagert werden. Die neue „Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel“ (DGLS) wurde am 3. September 2007 in Anwesenheit zahlreicher Besucherinnen und Besucher eröffnet. In drei Ausstellungsräumen können jetzt direkt am historischen Ort Informationen über die Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel, z. T. auch über die weitere Lagergeschichte vermittelt werden. Zusätzlich können in einem Film- und Veranstaltungsraum für 30 Personen Veranstaltungen, Vorträge oder pädagogische Arbeit stattfinden. Ergänzt wird die Dokumentationsstätte durch eine Präsenzbibliothek mit 1500 Fachbüchern und ein Archiv zur Geschichte des Lagers. Regelmäßig geöffnet ist die Dokumentationsstätte von Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 15.00 Uhr. Andreas Ehresmann hat seit September ihre Leitung übernommen. Möglich war der bisherige Aufbau der Dokumentationsstätte nur durch das große personelle und materielle Engagement verschiedener Personen und Institutionen, beispielsweise wurden zwei neue Texttafeln im Eingangsbereich und die Ausstellungsmöbel aus Hamburg finanziert und jüngst spendete die GLL Verden eine komplette Tagungsraumausstattung. Veranstaltungen: Im August richtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr das erste Mal nach 35 Jahren wieder ein internationales Jugendworkcamp in Sandbostel durch. 24 Jugendliche aus Russland, Moldawien, Frankreich und Deutschland arbeiteten auf dem Lagergelände und der Kriegsgräberstätte. Auf dem Lagergelände legten die Jugendlichen mehrere Teilstücke der historischen Wegeverbindungen frei. Diese waren in ihrer Existenz bis dato unbekannt. Im Ergebnis werden nun perspektivisch alle in weiten Teilen noch vorhandenen Wege freigelegt und in die Freiflächengestaltung der Gedenkstätte einbezogen. Höhepunkt des Workcamps war eine Gedenkfeier auf dem ehemaligen Lagergelände und dem Lagerfriedhof. Anschließend gab es die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen bei einer Abschlussfeier im Sandbosteler Hüßelhus. Das mit großer Unterstützung und Anteilnahmen der Gemeinde Sandbostel durchgeführte Workcamp war ein großer Erfolg und soll 2008 wiederholt werden. In diesem Jahr beteiligte sich die Dokumentationsstätte auch am ILEK-Prozess im Rahmen des ILEK Oste-Wörpe-Wümme und des ILEK Moorexpress-Stader Geest. Innerhalb des ILEK Oste-Wörpe-Wümme wurde eine "Arbeitsgruppe Sandbostel" gebildet, die ab September in der Dokumentationsstätte Sandbostel tagte. Die Arbeitsergebnisse der Gruppe wurden im September bzw. Oktober bei den Projektmessen der beiden ILEKs in Heeslingen und Harsefeld präsentiert. Bei größeren Veranstaltungen kann nach wie vor auf die evangelische Lagerkirche am Rande des von der Stiftung erworbenen Geländes zurückgegriffen werden. Am 15. November 2007 konnten wir die beiden Bremer Künstler Stefanie Knauer und Willy Schwarz für ein Konzert in der Lagerkirche gewinnen. In ihrem Programm „Ich möchte leben!“ trugen sie gefühlvoll Lieder und Gedichte in Erinnerung an den Holocaust vor. Besucherinnen und Besucher: Seit Anfang Juli 2007 haben 2241 Menschen die Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel besucht. Darunter waren 40 begleitete Gruppen, u.a. diverse Schulklassen, Konfirmandengruppen, Studien- und Universitätsseminare und Bundeswehrgruppen. Beeindruckende Begegnungen gab es bei den Besuchen von Überlebenden und Angehörigen aus dem In- und Ausland, die hier ihrer Angehörigen, Freunde und Kameraden, die im Kriegsgefangenen- oder im KZ-Auffanglager umgekommen sind, gedacht haben. Feststellbar ist, dass die meisten Besucherinnen und Besucher von dem bundesweit einmaligen Barackenensemble beeindruckt sind und die Ergebnisse der von der Stiftung auf dem Lagergelände vorgenommenen Gestaltungsmaßnahmen wohlwollend beurteilen. Das zunehmende Besucherinteresse ist nicht zuletzt der regionalen Presse zu verdanken, die kontinuierlich und in der Regel sehr kompetent und interessiert über die stetige Entwicklung in der Gedenkstätte berichtet. Auch der regionale Tourismusverband TouRow hat die Bedeutung der Gedenkstätte erkannt und sie mit ausführlichen Darstellungen in die verschiedenen Tourismusprogramme, Werbematerialien und ihre Website aufgenommen. Im kommenden Jahr erwarten wir um die 5.000 Besucherinnen und Besucher. Neben den regulären Öffnungszeiten und den offenen Sonntagsführungen wollen wir unser kulturelles Rahmenprogramm weiter ausdehnen. Geplant sind u. a. thematische Lesungen, Filmvorführungen, Konzerte und Sonderausstellungen. Gebäudebestand und Geländegestaltung: Wertvolle Hinweise für die Bearbeitung von zentralen Förderanträgen verdanken wir Dieter Rentschler-Weißmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und Steffen Breyer vom Landwirtschaftsministerium in Hannover (jetzt Dezernatsleiter bei der GLL in Verden). Ebenso sei dem Selsinger Samtgemeindebürgermeister Werner Borchers und Hartmut Bank vom Amt für Denkmalpflege beim Landkreis Rotenburg (Wümme) für ihre Unterstützung bei der Erledigung der Förderanträge gedankt. Die Kosten für die nächstes Jahr anstehenden Sicherungs- und Geländegestaltungsmaßnahmen betragen 450.000 Euro. Die Kostenübernahme setzt sich zusammen aus 202.500 Euro aus dem EU-Förderprogramm ZILE (Zuwendungen zur integrierten ländlichen Entwicklung), 67.500 Euro von der niedersächsischen Landesdenkmalpflege, je 40.000 Euro vom Landkreis Rotenburg (beantragt), der Samtgemeinde Selsingen, der Sparkassenstiftung und der Stiftung Deutscher Denkmalschutz (beantragt), und 20.000 Euro kommen von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Im Dezember wurden uns 5.000 Euro von der niedersächsischen Landesdenkmalpflege zur Verfügung gestellt, um die so genannte CVJM-Baracke zu sichern. Diese Baracke, die in den 50er Jahren aufgestellt wurde, war bisher noch nicht in die Sicherungsmaßnahmen einbezogen. Sie steht aber symbolisch für die Nachnutzung des Lagers als Durchgangslager für DDR-Flüchtlinge und hat von daher eine hohe Bedeutung. Von daher freuen wir uns, dass die Sicherung dieser Baracke noch in diesem Jahr abgeschlossen werden konnte. Im Anschluss an die Realisierung aller Sicherungsmaßnahmen wollen wir, nach der Erarbeitung eines umfassendes memorialen, musealen und didaktischen Konzepts und der Diskussion über die weitere Ausgestaltung der Gedenkstätte im Kuratorium der Stiftung Lager Sandbostel, eine anteilige Bundes- und Landesförderung aus Projektmitteln für die Gedenkstättenförderung beantragen, um ein Dokumentationszentrum aufzubauen. Auch wenn die Entwicklung der Gedenkstätte Sandbostel insgesamt positiv voranschreitet, bleibt doch festzustellen, dass mit den bisher eingeworbenen Geldern lediglich die Sicherung des einmaligen Gebäudeensembles möglich ist. Für den Aufbau und den täglichen Betrieb ist die Dokumentations- und Gedenkstätte auch weiterhin in hohem Maße auf Spenden angewiesen (Spendenkonten: Stiftung Lager Sandbostel, Zevener Volksbank (BLZ 241615 94), Kto.: 5 403 473 600; Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel e. V.: Postgiroamt Hamburg (BLZ 200 100 20), Kto.: 6000 22203). Mitarbeiter: Als ehrenamtlicher Kollege in der Besucherbetreuung betätigt sich seit einiger Zeit auch Werner Zeitler, der als unmittelbarer Anwohner der Gedenkstätte auch spontan einspringen kann. Geplant ist, einige GästeführerInnen des Landkreises Rotenburg speziell weiterzubilden, um sie zu befähigen, schwerpunktmäßig die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers zu vermitteln. Bedauerlich für uns, wenngleich hoch verdient, ist der Ruhestand, in den Dr. Klaus Volland Ende Januar 2008 gehen wird. Klaus Volland hat aber bereits angekündigt, dass er der Gedenkstätte auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Zu Recht wurde Klaus Volland am Ende seiner beruflichen Tätigkeit mehrfach für sein Engagement bei der Aufarbeitung der Geschichte des Lagers Sandbostels und beim Aufbau einer Gedenkstätte ausgezeichnet: am 26. März 2006 mit dem Osteland-Kulturpreis „Goldener Hecht“ der Arbeitsgemeinschaft Osteland, am 6. Mai dieses Jahres mit dem „Franco-Paselli-Friedenspreis“ der Internationalen Friedensschule Bremen und am 26. September mit einer Urkunde für ehrenamtliches Engagement vom Landkreis Rotenburg. Als Nachfolger des Bremervörder Gymnasiallehrers Klaus Volland als pädagogischer Leiter der Gedenkstätte ist der Zevener Realschullehrer Burkhard Rexin (ebenfalls mit 10 Stunden) vom niedersächsischen Kultusministerium freigestellt worden. Der 43-jährige Burkhard Rexin hat eine museumspädagogische Zusatzbildung und eine inzwischen langjährige Erfahrung bei der Betreuung des Pädagogischen Museums in Ohrel bei Selsingen. Anfang Februar 2008 wird er mit seiner Arbeit in Sandbostel beginnen. Termine 2008: Offene Sonntage: 13. Januar, 10. Februar, 9. März, 13. April, 11. Mai, 8. Juni, 13. Juli, 63. Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Sandbostel mit dem Programmschwerpunkt Europa am 29. April 2008. Neue Publikationen: - Eine umfangreiche Überblicksdarstellung der Geschichte des KZ-Auffanglagers Sandbostels auf Niederländisch ist von Piet Dam in dem „Neuengamme Bulletin März 2007“ der Stichting Vriendenkring Neuengamme publiziert worden (Piet Dam: Het (vergeten) Concentratiekamp Stalag X B Sandbostel, in: Neuengamme Bulletin. Maar 2007. - Im Sommer 2007 ist die erste Auflage der Erinnerungen des heute in Schleswig-Holstein lebenden ehemaligen belgischen Kriegsgefangenen Roger Cottyn erschienen. Cottyn hielt sich längere Zeit im Stalag X B auf und war auf etlichen Arbeitskommandos eingesetzt (Roger Cottyn: Sechzig Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft, 28. Mai 1940 – 23. Mai 1945, erlebt und aufgeschrieben von R. C.; z. Zt. vergriffen, 2. Auflage demnächst erhältlich über die Gedenkstätte Sandbostel). - Eine Darstellung der jüngsten Entwicklung der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel von Dr. Dietmar Kohlrausch ist in der Zeitschrift des Landschaftsverbands Stade erschienen. (Dietmar Kohlrausch: Gefangene aus 70 Nationen. Die Stiftung Lager Sandbostel arbeitet an der Errichtung einer Dokumentations- und Gedenkstätte, in: Heimat und Kultur zwischen Elbe und Weser, Nr. 4/2007. - Im November hat Joachim Behnken eine Dokumentation zur evangelischen Lagerkirche in Sandbostel herausgegeben. Auf 72 Seiten wird deren Entstehung im Jahre 1946 als Nissenhütte im britischen Internierungslager bis hin zur heutigen Nutzung dargestellt (Joachim Behnken: Die Lagerkirche von Sandbostel. Hoffnungsvolle Lichtblicke in dunklen Zeiten, Ober Ochtenhausen 2007; über die Gedenkstätte Sandbostel zu beziehen). - Voraussichtlich noch vor Ablauf dieses Jahres wird die von Helga Bories-Sawala und Klaus Volland herausgegebene Dokumentation „60 Jahre nach der Befreiung: Sandbostel, Bremen, Caen. Eine Dokumentation der Gedenkveranstaltungen April bis Juni 2005“, Bremen 2007, erscheinen (dann ebenfalls über die Gedenkstätte Sandbostel zu beziehen). - Anfang 2008 wird die Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel eine umfangreiche Rundwegbroschüre herausgeben, um so den Bedürfnissen der zahlreichen Besucherinnen und Besuchern des ehemaligen Lagergeländes gerecht zu werden und ein eigenständiges Erkunden des Geländes zu ermöglichen. - Perspektivisch sollen im gleichen Format auch Informationen zu den ebenfalls historisch bedeutenden weiter entfernt liegenden Teilen des Stalag-Komplexes erscheinen wie etwa zum Unterkunftslager der Wachmannschaften, zum Kriegsgefangenenlazarett und zum Lagerfriedhof. Darüber hinaus sind als grundlegende Literatur zum Lager Sandbostel die im Buchhandel vergriffene Monographie „Stalag X B Sandbostel. Zur Geschichte eines Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers in Norddeutschland 1939-1945“ von Werner Borgsen und Klaus Volland (Bremen 22003) und als Fotokopie die gleichfalls vergriffene Broschüre „Das Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Eine Wanderausstellung des Trägervereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel“ (Bremervörde 22004) über die Gedenkstätte Sandbostel zu beziehen.
Verbunden mit den besten Wünschen für das Jahr 2008 grüßt Sie/euch herzlich Ihr/euer Andreas Ehresmann |
||