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Stalag mit den Augen des Künstlers
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Bremervörder Zeitung vom 6.7 2004 |
Von Thomas Schmidt |
| Sandbostel/Hamburg.
Historiker,Politiker, Verwaltungsbeamte,Journalisten - viele haben sich
mit dem Kriegsgefangenlager Stalag XB in Sandbostel beschäftigt.
Bis auf die Arbeiten von Tetjus Tügel jun. gab es bislang keine künstlerischen
Annäherungen an das Grauen von Sandbostel. Ein Jahr lang hat sich
der in Langenhausen lebende Künstler Gert Niethammer mit dem Thema
befasst, das universelle Fragen des Menschseins aufwirft: Zwischen Trauer
und Erinnern, Vergessen und Versöhnung. Am Freitag wurde seine Ausstellung
unter dem Titel „Todeslager unter dem Gewerbepark“ in der Hamburger Rathausmarktpassage
eröffnet. Bei der Vernissage sprachen sein Bruder Prof. Dr. Lutz Niethammer (siehe unten) sowie Dr. Klaus Volland, Zweiter Vorsitzender des Gedenkstättenvereins und Co-Autor des Buches über Stalag XB. Von dem Buch hat sich Niethammer inspirieren lassen. Für historische Fotos und Texte findet er eine eigenwillige, eigentümlich farbige, fast expansionistisch anmutende künstlerische Handschrift. Durch eine Art „dichter Beschreibung“, wie Dr. Volland auf der Vernissage sagte, gelingt Niethammer eine intensive Annäherung an den Ort und an den historischen Gegenstand. „Wie bereits vor ihm, aber mit einer ganz anderen Bildsprache, Tetjus Tügel jun. in seinem 2001 geschaffenen Gemäldezyklus ‚Das Echo der Hölle‘, der übrigens ab dem 13. Juli im Dokumentationszentrum von St. Nikolai zu sehen ist“, betonte Dr. Volland. Der Bremervörder Historiker skizzierte die Hintergründe, die Überlegungen der Planer des Grauens: „Die Kriegsgefangenen, Internierten und KZ-Häftlinge, die es nach oft langen Transporten zwischen 1939 und 1945 in diese Gegend verschlug, von den Bahnhöfen Bremervörde und Brillit hatten in der Regel noch zwölf oder sieben beschwerliche Kilometer zu Fuß vor sich, ehe sie das Lager erreichten.“ Für die meisten Gefangenen sei Sandbostel nur ein Durchgangslager gewesen, in dem sie registriert wurden. „Rasch wurden sie in der Regel weitertransportiert zum Einsatz in der Kriegswirtschaft in Hunderten von Arbeitskommandos, vorzugsweise in der Landwirtschaft, Industrie und Rüstungsproduktion in Nordwestdeutschland, viele auch hier in Hamburg.“ So war das Stammlager Sandbostel vor allem ein Ort der Kranken, Schwachen, Wartenden und Sterbenden, deren Schicksal sich Niethammer mit schreiend-grellen Farben nähert. In einem seiner ausgestellten Bilder hat Niethammer diese tödlichen Szenen festgehalten. Auch die Totenkarren der sowjetischen Gefangenen hat er gemalt, die im Herbst und Winter 1941/42 nach Sandbostel kamen, vielfach schon vom Tod gezeichnet. „Verhöhnung statt Versöhnung“ Volland: „In seinen Bildern malt und zeichnet Gert Niethammer Sandbostel mehr als Opferort, weniger als Täterort. Wir sehen Gefangenenzüge unterwegs nach Sandbostel, Menschen aus aller Welt (im Stalag X B waren Gefangene aus an die 70 Nationen untergebracht), einen Gefangenenchor, die Gelüste der Gefangenen nach gutem Essen und Trinken und nach zärtlichen Frauen.“ Doch der Künstler richtet seinen Blick auch auf die Gegenwart, die sich so schwer mit der eigenen Geschichte tut: Der Betrachter entdeckt „die Schlitzohren und versteinerten Schönheiten des politischen Landadels, der heute ein Gedenkstättchen verspricht und morgen wieder nichts darüber gesagt haben will“, lässt Dr. Volland einen Seitenhieb an die politisch Verantwortlichen der Gegenwart nicht unerwähnt. Niethammers Bilder wirken zuweilen eigentümlich hell, lichter als das Sujet vermuten lässt. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch: „Sandbostel - oft ein düsterer und trauriger Ort, vor allem im Herbst und Winter (die Italiener sprachen vom ‚langen Winter in den Lagern‘). Aber auch das Licht war in der oft sengenden Sommersonne über der Sandwüste von Sandbostel für die Gefangenen kaum erträglich, und in der Nacht strahlte das grelle Licht der Beleuchtungsmasten an der Außenseiten des Lagers, um Fluchten zu verhindern.“ Nicht ohne Verbitterung setzt Dr. Volland hinzu: „Das ehemalige Lager sei ‚keine Visitenkarte‘ für Sandbostel, sagte der niedersächsische Kultusminister Busemann bei seinem Besuch am 16. Juli. Der Lagerfriedhof gefiel ihm. Er ist in der Tat gut gepflegt -sozusagen die bessere Visitenkarte der Gemeinde.“ Auf diesem Friedhof, auf dem 1956 ein Ehrenmal für Rotarmisten gesprengt worden ist, werde gern von „Versöhnung über den Gräbern“ gesprochen. Auf zahlreichen Friedhofswegen, so Dr. Volland, gehe man über die Leichen von Rotarmisten, auf dem in eine Rasenfläche umgewandelten Gräberfeld der hierhin umgebetteten KZ-Toten, darunter zahlreiche Juden und Muslime, stehen mehrfach die drei steinernen Kreuze einer „Kriegsgräberstätte“. Man sei versucht, da eher von „Verhöhnung über den Gräbern“ zu sprechen. Niethammers Ausstellung trage nach Vollands Einschätzung mit dazu bei, die Geschichte des Lagers Sandbostel, seiner Opfer und Täter, bekannter zu machen und dem Vergessen, Verschleiern und Verschweigen entgegenzuwirken: „Er setzt sich mit uns dafür ein, am historischen Ort der Tat, dem ehemaligen Lager, eine Gedenkstätte als Ort der Versöhnung, der Trauer und des Nachdenkens zu schaffen.“ Die Ausstellung ist bis zum 31. Juli geöffnet. Öffnungszeiten 8 bis 20 Uhr werktags; sonnabends 8 bis 17 Uhr. Die Rathauspassage befindet sich unter dem Rathausmarkt, S-Bahn Jungfernstieg. |
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| Dr. Klaus Volland ( links) bei Vernissage zur Hamburger Ausstellung„Todeslager unter dem Gewerbepark“ des Langenhausener KünstlersGert Niethammer. Foto: Schmidt | „Aber auch das Licht war in der
oft sengenden Sommersonne über derSandwüste von Sandbostel für
die Gefangenen kaum erträglich, und in der Nacht strahlte das grelle
Licht der Beleuchtungsmasten an denAußenseiten
des Lagers, um Fluchten zu verhindern.“ Foto: Schmidt
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