"Nachzügler-Konflikt" aufarbeiten
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Bremervörder Zeitung vom 6. Juli 2004
"Nachzügler-Konflikt" aufarbeiten
Historiker Prof. Dr. Niethammer über die Erinnerungskultur am Beispiel Sandbostel
 
Sandbostel/Hamburg (ts). In dem zähen Ringen um eine Gedenkstätte für das ehemalige Lager Sandbostel sieht der Historiker Dr. Lutz Niethammer einen „Nachzügler-Konflikt". Der Professor für Zeitgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Berater der Bundesregierung bei der Regelung der Zwangsarbeiterentschädigung stellte auf der Vernissage (siehe Bericht oben) für die Ausstellung seines Bruders Gert Niethammer Bezüge zur Entwicklung der Erinnerungskultur seit den 50er Jahren her.
Die einzigartige Bedeutung des Lagergeländes leitet Dr. Gert Niethammer von der Tatsache ab, dass in Deutschland - bis auf Sachsenhausen, wo noch zwei Baracken stehen - ein Lager mit 25 Gebäuden physisch erhalten sei. Aus historischer Perspektive sei das Areal eine einzigartige historische „Kostbarkeit", so makaber das auch klingen möge. Dass sich die Gemeinde nicht mit dem Lager identifiziere, sei nur allzu verständlich. Umso wichtiger sei es jetzt, Brücken zu bauen und Chancen zu nutzen, die sich aus der Arbeit des Gedenkstättenvereins ergeben.
„Unser Vater war sieben Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft", sagte der Historiker. Deshalb sei ihm und seinem Bruder das Mitgefühl „nach beiden Seiten" nichtfremd. Vor diesem Hintergrund sei es gelinde gesagt geradezu „unwürdig" gewesen, dass in den 50er Jahren das Ehrenmal für die sowjetischen Kriegsgefangenen gesprengt worden ist: „Man stelle sich das vor: eine Sprengung auf einem Friedhof", erinnerte er an Auswüchse einer Erinnerungsunkultur, die auf den Kalten Krieg, aber auch auf den kollektiven Wunsch nach Verdrängen und Vergessen zurückzuführen sei.
Dr. Niethammer: „Die Lageraufsicht lag in Händen der Wehrmacht." Stalag XB stehe in seinen Augen deshalb auch für die Verbrechen der Wehrmacht im Inneren des Reiches - eine grausame Parallele zu den Verbrechen im Ausland: So habe die Wehrmacht während des Russlandfeldzugs von insgesamt drei Millionen russischen Gefangenen etwa zwei Millionen außerhalb der Reichsgrenzen einfach verhungern lassen.
Angesichts der jahrelangen Diskussionen um die Einrichtung einer Gedenkstätte sprach der Historiker von einem geradezu typischen „Nachzügler-Konflikt", der bearbeitet werden müsse. Die Erinnerungskultur der 50er und 60er Jahre sei kaum geeignet gewesen, die Geschichte aufzuarbeiten. Zu übermächtig sei der Wunsch nach Verdrängen und Vertuschen gewesen. Erst die aktive Gedenkkultur der 80er Jahrehabe den Weg für neue Ansätze in der Erinnerungskultur frei gemacht. Und noch eines hält Prof. Dr. Niethammer für bedeutsam: Ließ sich mit Blick auf den Holocaust noch mühsam behaupten, man hätte von der systematischen Ermordung der Juden nichts mitbekommen, ging das nicht beim Schicksal der Fremdarbeiter. Allein aus der Ukraine seien 350.000 Dienstmädchen im Reich eingesetzt worden. Bei insgesamt zehn bis 15 Millionen Fremdarbeitern habe jedoch keiner die Augen verschließen können.
Kritisch setzte sich der Historiker mit Blick auf Sandbostel mit dem Ausdruck „Kriegsgräberstätte" auseinander. Der Begriff sei irreführend und eine Fehletikettierung. Schließlich diene eine Kriegsgräberstätte der Erinnerung an die Frontsoldaten. Viel treffender sei deshalb eine Bezeichnung wie „Lager-Terror-Stätte". Die Umnutzung sei noch kein Skandal - das habe es in vielen anderen Regionen Deutschlands nach Ende des Krieges auch gegeben. Der Skandal sei, dass nicht der geringste Hinweis an die Geschichte erinnere, die sich hinter der Fassade des Gewerbegebiets verberge.
Doch es gibt auch Chancen in den Augen von Prof. Dr. Niethammer: Der Friedhof sei zwar „fehletikettiert", aber sehr gut gepflegt. Die Lagergeschichte durch dieAutoren des Buches gründlich und mit größter Sorgfalt erforscht. Die Freistellung eines Lehrers, die Arbeit der Gedenkstätteninitiative und der physische Erhalt eines Drittels des Lagers machten Hoffnung, für einen würdigen Umgang mit der Stätte des Grauens.
 
  Der Historiker Prof. Dr. Lutz
Niethammer, Berater der Bun-
desregierung bei der Regelung
der Zwangsarbeiterentschädi-
gung, wies in Hamburg auf die
einzigartige historische Bedeu-
tung der Überreste des Kriegs-
gefangenenlagers Sandbostel
hin. Foto: Schmidt
 

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