AG Osteland
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Sonntagsjournal 15. Oktober 2006
Heimatpflege - mehr als Volksmusik
Kulturkreis der AG Osteland erkundet unter anderem in Sandbostel dunkle Seiten der Regionalgeschichte
 
Bremervörde/Lamstedt/ Cuxhaven (sj). Heimatpflege ist mehr als Volkstanz und Volksmusik. Dazu gehört nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft Osteland auch die Erforschung der dunklen Seiten der Regionalgeschichte und die Sicherung ihrer Relikte. Im Vorfeld der stillen Feiertage veranstaltete der gemeinnützige Verein daher im Rahmen der Reihe Unbekannte Oste“ eine ganztägige Exkursion mit dem Titel Oste - Fluss mit Vergangenheit“.
Die Tour unter der Leitung von Heimatpfleger Udo Theuerkauf (Lamstedt) und Curt Schuster (Hemmoor) vom Arbeitskreis Kultur der AG Osteland führte 40 historisch Interessierte aus dem Elbe-Weser-Dreieck zu einstigen Gefangenenlagern, Soldatengräbern und einem alten jüdischen Friedhof.
Hohe Anerkennung zollten die Osteland-Vertreter den von ihnen aufgesuchten Lokalhistorikern Dr. Helge Matthiesen (Nieder Ochtenhausen), Erich Müller (Wingst) sowie Dr. Klaus Volland (Bremervörde) für deren Forschungsarbeiten, mit denen vergessene oder verdrängte Kapitel der Geschichte des Ostelandes erhellt worden sind. Der Wissenschaftler Volland war für seine umfangreichen Studien über das Lager Sandbostel bereits im Frühjahr mit dem Oste-Kulturpreis „Der Goldene Hecht“ (BZ berichtete) ausgezeichnet worden. Die stärksten Eindrücke hinterließ an diesem Tag der Rundgang über das Geländedes ehemaligen Kriegsgefangenenlagers nahe der Oste in Sandbostel, das 1945 vorübergehend auch als KZ-Auffanglager verwendet worden war und in dem Zehntausende zu Tode kamen. Begrüßt wurden die Pläne der Stiftung Lager Sandbostel, die noch erhaltenen Barackenzu sichern und auf dem Gelände, am Ort des tragischen Geschehens, langfristig die zur Zeit in Bremervörde ansässige Dokumentationsstätte unterzubringen. Erfreut vernahmen die Besucher, dass die Stiftung          niedersächsische Gedenkstätten   bereit   ist, vom kommenden Jahr an Schulfahrten nach Sandbostel finanziell zu unterstützen.
 
  Dr. Klaus Volland   Dr. Helge Matthiesen  
  Dr. Klaus Volland (Mitte) führte die Teilnehmer der Oste-
land-Exkursion über das Lagergelände Sandbostel
 

Heimatforscher Dr. Helge Matthiesen an der Gedenkstätte
für russische Kriegsgefangene in Nieder Ochtenhausen.

 
 

Im Gasthaus Quell in Nieder Ochtenhausen und auf Gut Haneworth bei Lamstedt berichteten der Heimatforscher Dr. Helge Matthiesen und der Gutsherr Heinz Christian Gresens über das Schicksal von Kriegsgefangenen, die dort im Ersten Weltkrieg zu Deichbau-, Meliorations- oder Kultivierungsarbeiten eingesetzt worden waren. An beiden Orten kamen Gefangene durch Seuchen oder Entkräftung um, in Nieder Ochtenhausen im Frühjahr 1915 sogar mindestens 140 Menschen. Verglichen mit der in Sandbostel im Zweiten Weltkrieg betriebenen „Vernichtung durch Arbeit“ seien die Deutschen im Ersten Weltkrieg allerdings noch „relativ human“ mit ihren Gefangenen umgegangen, urteilte Matthiesen. Seine Forschungsarbeiten über das Nieder Ochtenhausener Lager haben, wie anerkennend bemerkt wurde, dazu beigetragen, dass der Deich- und Sielverband an der ehemaligen Oste-Schiffstelle einen Findling aufgestellt hat, der die Aufschrift trägt: „Zum Gedenken an die russischen Kriegsgefangenen, die in den Jahren 1914-1918 unter schwierigsten Bedingungen den Deich der Oste verstärkten“. In der Wingst begegneten die Teilnehmer zum Abschluss der Tour dem Heimatforscher und langjährigen Kommunalpolitiker Erich Müller, der den alten jüdischen Friedhof mit seinen 26 Grabsteinen aus den Jahren von 1767 bis 1926 erforscht und betreut. Müller informierte über die Geschichte der Juden im Land Hadeln und trug einige der ins Deutsche übersetzten Grabinschriften vor, „Zeugnisse tiefer Frömmigkeit“. Im Wingster Wald sind unter anderem auch Vorfahren der Ostener Familie Philippsohn bestattet, die von den Nazis nach Minsk verschleppt wurde und dort umkam. Heimatforscher Müller wurde von Tourenleiter Curt Schuster im Namen der AG Osteland für seine jahrzehntelange Arbeit mit einem Buchpräsent ausgezeichnet.  www.osteland.de

 
     

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