Buterfas: „Wir machen die Sache
einfach"
Gedenkveranstaltung findet große Resonanz
Von Rainer Klöfkorn
Sandbostel. „Wir machen die Sache einfach" - mit
diesem Satz wischte Ivar Buterfas gestern die Bedenken des Kreisvertreters
Hermann Luttmann beiseite. Der Erste Kreisrat hatte zu Beginn der Gedenkveranstaltung
in Sandbostel angezweifelt („Ganz so einfach wird das nicht"), dass
eine Dokumentations- und Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen
Lagers errichtet werden kann.
Zu der Kundgebung vor der Lagerkirche hatte der Verein Dokumentations-
und Gedenkstätte Sandbostel eingeladen. Dass er in Ivar Buterfas
(71) einen prominenten und engagierten Unterstützer gefunden hat,
zeigten die Besucherzahl (etwa 200) sowie die Präsenz der vielen
Journalisten und Kamerateams.
Buterfas war gefragtester Interviewpartner. Mit Judenstern („den habe
ich 1942 von Adolf Hitler bekommen") und Bundesverdienstkreuz am
Anzug trug er sein Ziel vor: dem Verein zu einer Dokumentations- und Gedenkstätte
auf dem Lagergelände - der „Stätte unerledigter deutscher Geschichte"
- zu verhelfen.
Diese Einrichtung sei lange überfällig. Es dürfe nicht
weiter zugelassen werden, dass die noch vorhandenen Baracken verrotten.
Der Verein werde niemandem etwas wegnehmen: „Wir wollen das geschehene
Unrecht in Form der Ausweisung eines Gewerbegebietes vor 30 Jahren nicht
durch neues Unrecht ausgleichen".
Er, Buterfas, werde seine Kontakte für dieses Ziel nutzen und den
Finger in die Wunde legen. Es gehe ihm nicht darum, andere an den Pranger
zu stellen: „Ich möchte den Weg der Versöhnung gehen".
Doch müssten sich die Politiker bewusst sein, dass man sie an ihren
Taten messen werde.
Auf den aktuellen Streit um die Dokumentations- und Gedenkstätte
ging der Erste Kreisrat Luttmann nicht ein. Er bezeichnete Sandbostel
als den Ort im Kreisgebiet, an dem die Spuren des Krieges am deutlichsten
sichtbar seien. Lager und Friedhof würden an unendliches Leid erinnern,
die Erinnerung daran müsse wachgehalten werden.
Adolf Hitler habe die Ausrottung aller seiner Gegner beabsichtigt. Indem
sie ihn dabei unterstützten, hätten sich viele Deutsche mitschuldig
gemacht. „Unser Land ist mit dieser Hypothek schwer belastet", sagte
Luttmann. Insofern sei es notwendig, Zeichen zu setzen für Versöhnung
und Frieden zwischen den Völkern.
Im weiteren Verlauf der Gedenkveranstaltung, die am 59. Jahrestag der
Befreiuung des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers durch britische
Truppen stattfand, sprach mit Oberst Dr. Winfried Heinemann vom Militärgeschichtlichen
Forschungsamt in Potsdam erstmals ein aktiver Soldat. Die Bundeswehr sehe
sich nicht in der Tradition der früheren Wehrmacht, die das Lager
Sandbostel zu verantworten habe, sagte er. Sie orientiere sich vielmehr
an dem Wertekodex der zivilen Gesellschaft.
Aufgabe der Bundeswehr sei es auch, sich mit den dunklen Seite der Geschichte
- wie der Behandlung der Kriegsgefangenen zwischen 1939 und 1945 durch
das Militär - auseinanderzusetzen. Er freue sich darüber,sagte
Heinemann, dass die Veranstaltung dem Gedenken an die französischen
Gefangenen gewidmet sei, gebe es doch besonders enge Verbindungen zwischen
den Streitkräften beider Staaten.
An die Leiden der Gefangenen aus Frankreich - die ein Fünftel der
Sandbosteler Lagerinsassen ausmachten - erinnerte Bernard Le Godais. Sehr
eindringlich schilderte der ehemalige Gefangene die Ankunft von KZ-Häftlingen
im April 1945 im Lager Sandbostel. Es sei die Hölle gewesen. In sechs
Wochen habe er mit Mitgefangenen 3.000 Tote in Sandbostel begraben.
Seit dieser Zeit widmet sich Le Godais nicht nur dem Andenken der Verstorbenen,
sondern auch dem Ziel der Versöhnung. Sandbostel sei dazu geschaffen,
sagte er, ein ökomenisches Zentrum der Versöhnung, der Freundschaft
und des Friedens zu werden.
Auch die französische Konsulin Carolin Krayka und Jacques Mouly vom
Verteidigungsministerium plädierten für eine Dokumentations-
und Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände. Die Reste
der ehemaligen Unterkünfte müssten erhalten werden, weil sie
von historisch hohem Wert seien. Von daher sei der Verein bei seinen Bemühungen
zu unterstützen.
Der setzt dabei auf die guten Kontakte von Ivar Buterfas. Der Vereinsvorsitzende
Dr. Dietmar Kohlrausch in seiner Begrüßung: „Ohne Sie stünde
hier wieder nur das kleine Häuflein der Aufrechten mit einigen Lokalreportern".
Ivar Buterfas will weiterhin für eine würdige Form der Erinnerung
und der Dokumentation werben. Was passiert, wenn nichts passiert, machte
Butterfas im Gespräch mit Luttmann deutlich: „Dann komme ich mit
Vertretern der neuen EU-Länder wieder." Denn gerade die Gefangenen
dieser Staaten hätten besonders unter dem Nazi-Regime gelitten.
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| Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung / großes
Interesse der Medien Weltfriedenspreisträger Ivar Buterfas unterstützt
Gedenkstätte auf dem Lagergelände
Von Jakob Brandt
Sandbostel. Ganz ehrlich: An eine Gedenkstätte auf
dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers
Sandbostel haben wohl nur noch wenige geglaubt. Es schien, als hätten
sich Landkreis, Kreis-CDU und die Landesregierung unter der Hand bereits
auf die Minimallösung, sprich: eine Gedenktafel auf der wenige Kilometer
entfernten Kriegsgräberstätte, geeinigt. Außerdem hat
der Verfall des Lagerrestes gerade in den letzten Jahren dramatische Ausmaße
angenommen. Doch jetzt kommt mächtig Bewegung in die Sache. Mit dem
Weltfriedenspreisträger Ivar Buterfas hat der Verein Dokumentations-
und Gedenkstätte Sandbostel einen prominenten, weltweit für
sein humanistisches Engagement mehrfach ausgezeichneten Fürsprecher
gewonnen.
Der Hamburger Unternehmer und Holocaust-Überlebende setzt sich nachdrücklich
für eine Gedenkstätte auf dem Lagergelände, für Buterfas
„Stätte unbewältigter deutscher Geschichte", ein. Ins Auge
gefasst hat der Doku-Verein jetzt die ehemalige Lagerkommandantur, die
heute von der Straßenmeisterei des Landkreises Rotenburg als Verwaltungsgebäude
genutzt wird. Ivar Buterfas hat sich unter anderem als Retter der St.-Nikolai-Kirche
in der Hansestadt verdient gemacht. Auf der Gedenkfeier zum 59. Jahrestag
der Lager-befreiung am vergangenen Donnerstag machte der 71-Jährige
unmissverständlich klar, dass er sich mit der gleichen Intensität
und Hartnäckigkeit auch für Sandbostel einsetzen werde. Mit
Judenstern und Bundesverdienstkreuz am Anzug, an die Vertreter des Doku-Vereins:
„Ich habe mich gern von Freunden 'missbrauchen' lassen und stehe gerne
zur Verfügung." Buterfas ist ein Mann deutlicher Worte und klarer
Gesten. „Ich wäre ein blinder Versager, wenn ich an dieser historischen
und heiligen Stätte nicht den Finger in die Wunde legen würde."
Und er nennt die Verantwortlichen beim Namen: Landkreis und Gemeinde.
Es sei ein unverzeihlicher Akt, eine Schande, das Lager 1974 als Gewerbegebiet
auszuweisen. Mit Blick auf die Lagerruinen: „Das haben die zu verantworten."
Die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises forderte Ivar Buterfas
auf, jetzt dafür zu sorgen, dass nichts auf dem Lagergelände
vernichtet werde.
Der den Rotenburger Landrat vertretende Erste Kreisrat Hermann Luttmann
vermied es in seinem Grußwort, das Thema Dokumentationsstätte
anzusprechen. Buterfas zu Luttmann: „Politiker erkennt man an ihren Taten."
Vor seinem Besuch in Sandbostel sprach der Weltfriedenspreisträger
in Hannover mit Ex-Ministerpräsident Sigmar Gabriel. Ivar Buterfas,
Mann mit ausgezeichneten Kontakten, versucht derzeit, viele Mitstreiter
für die Sache zu gewinnen. Auch das große Aufgebot der Presse
bei der Gedenkveranstaltung belegt es: Von Ham-
burg bis Hannover ist Sandbostel ein Thema in vielen Zeitungen. Und fast
200 Gäste, so viel wie nie zuvor bei einer Gedenkveranstaltung, wurden
vor der Lagerkirche gezählt.
Mit seinem Einfluss und seinem guten Namen habe Buterfas das Ziel des
Vereins entscheiden vorange-bracht, hob Doku-Vorsitzender Dietmar Kohlrausch
zu Beginn der Veranstaltung das Engagement des
Hamburgers hervor. „Ohne Sie stünde hier nur das kleine Häuflein
der Aufrechten und einige Lokalreporter." Gewidmet war die diesjährige
Gedenkveranstaltung den ehemaligen französischen Internierten. Gäste
wie die französische Konsulin Carolin Krayka und Jaques Mouly vom
Verteidigungsministerium sprachen sich ebenfalls für eine Gedenkstätte
auf dem Lagergelände aus. Als Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager
habe der Ort eine hohe symbolische Bedeutung. Ebenso notwendig sei es,
die Lagerreste „von unschätzbarem Wert" in einem guten Zustand
zu bewahren. Jaques Mouly sprach von einem „fassbaren Ort der Erinnerung".
Der Einsatz des Doku-Vereins sei außerordentlich wichtig. Der heute
86-jährige Bernard Le Godais hat die Befreiung des Lagers am 29.
April 1945 miter-lebt. „Liebe Freunde“, begann er seine auf Deutsch gehaltene
Rede. Ihm sei es wichtig, auf Opferboden ein Zeugnis von Glaube, Hoffnung
und Liebe abzulegen, begründete er sein Kommen. Der Franzose blickte
auch kurz zurück: „Es war schrecklich und traurig", schilderte
er die Ankunft von 6.000 KZ-Häftlingen aus Neuengamme im April 1945.
Le Godais berichtet von Gräueltaten, von sterbenden Menschen, herumliegenden
Toten. „Es war furchtbar, wir konnten nichts machen, nur zusehen."
3.000 Tote habe er gemeinsam mit anderen Gefangenen begraben. „Dieses
Lager darf nie und nimmer verschwinden", appellierte er an die Verantwortlichen
von heute. Der alte Mann, der sich seit Kriegsende der Versöhnung
unter den Völkern verschrieben hat, hat auch einen Traum: Sandbostel
als Zentrum für Versöhnung Freundschaft und Frieden.
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