Die Geschichte der Baracke 27
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Bremervörder Zeitung 29. August 2007
Die Geschichte der Baracke 27
Sandbostel: Italienische Familie besucht ehemaliges Stalag X B - Detaillierte Kenntnis über Lagerleben
  Francesco Tiralosi, seine Schwester Anna-Maria erläutern Dr. Klaus Volland und Karl-Heinz Buck Zeichnungen auf dem Essgeschirr eines italienischen Kriegsgefangenen.  
  Francesco Tiralosi (Zweiter von rechts) und seine Schwester Anna-Maria erläutern Dr. Klaus Volland (links) und Karl-Heinz Buck Zeichnungen auf dem Essgeschirr eines italienischen Kriegsgefangenen. Fotos: Zimmering  
 

Von Harm Zimmering

Sandbostel. Als der 22-jährige Italiener Paolo Tiralosi im März 1944 in das Kriegsgefangenenlager Stalag XB in Sandbostel kam, musste er bis zum Dezember des gleichen Jahres leidvoll erfahren, was es heißt, in der Hierarchie unter den Inhaftierten zusammen mit sowjetischen Gefangenen an unterster Stelle zu stehen. Aber Tiralosi hatte Glück: Rund zehn Monate nach seiner Ankunft in Sandbostel begann für ihn ein ziviles Arbeitsverhältnis in der Landwirtschaft nahe Hamburg. Nach Ende des Krieges kehrte er nach Italien zurück und verstarb dort 1991. Am vergangenen Sonntag begab sich seine Frau zusammen mit Sohn und Tochter auf Spurensuche im Stalag XB.
Es ist 10.30 Uhr, als Francesco Tiralosi mit seinem dunkelblauen Pkw in die ehemalige Lagerstraße einbiegt. Der 49-jährige Bankkaufmann aus Rom hat sich am Eingang mit dem Leiter der Dokumentationsstätte Sandbostel Dr. Klaus Volland und mit dem Leiter der „Stiftung Lager Sandbostel“ Karl-Heinz Buck verabredet. Begleitet wird Tiralosi von seiner Mutter Tina und von seiner Schwester Anna-Maria.
Nach einer herzlichen Begrüßung beeindruckt der Italiener sogleich durch seine profunden Kenntnisse: „Wenn das hier die Lagerstraße ist, müssen links und rechts von ihr Baracken gestanden haben. Mein Vater war in Nr. 27 untergebracht. Das ist die dritte Baracke von oben auf der rechten Seite.“
Als Dr. Volland und Karl-Heinz Buck der Familie diese Baracke in der vorerst provisorisch eingerichteten Gedenkstätte anhand eines Lagermodells zeigen wollen, stellt sich jedoch heraus, dass das „drittletzte Holzhaus von oben auf der rechten Seite“ eine andere Nummer trug. Francesco Tiralosi stutzt. Er will das nicht glauben. Da fällt Dr. Volland ein, dass die Gedenkstätte inzwischen über einen Originallageplan des Stalag XB verfügt, den ihr jüngst ein Amerikaner zukommen ließ. Er hatte ihn der Kommandantur bei der Befreiung des Lagers am 29. April 1945 einfach geklaut.
Als Karl-Heinz Buck diesen Plan schnell geholt hat und ihn schließlich ausbreitet, stellt sich sofort heraus: Der Italiener hat Recht! Die besagte Baracke, die sich damals außerhalb des heutigen Lagergeländes auf einem jetzigen Maisfeld befand, trug in der Tat die Nummer 27. Wie intensiv sich die Geschwister Tiralosi und ihre Mutter mit der Vergangenheit des Vaters beschäftigt haben, zeigen auch die nächsten Stunden.
Wie der Vater zum Beispiel das Überleben im Lager meisterte, dass der später auch in Deutschland sehr populäre italienische Schauspieler Gianrico Tedeschi ebenfalls in Sandbostel inhaftiert war, wie der Tagesablauf im Lager geregelt war, und, und, und...
„Ich weiß auch, dass die Bäuerin auf dem Hof bei Hamburg, auf dem mein Vater nach seiner Zeit in Sandbostel gearbeitet hat, der absolute Chef im Hause war und dass sie ein äußerst strenges Regiment führte“, schmunzelt Francesco Tiralosi, während er einige Fundstücke aus der Ausstellung der Dokumentationsstätte als italienische Zahnpasta- und Hautcremetuben identifiziert.
Und dann überraschen die drei Italiener ihre Gastgeber mit einem kleinen Notizbüchlein. Es ist knapp 100 Seiten stark und fein säuberlich mit kleiner, sauberer Handschrift beschrieben. Zum Teil ist es sogar mit kleinen farbigen Bildern ausstaffiert: Es sind die Aufzeichnungen ihres Vaters und Ehemannes Paolo Tiralosi, die den Alltag im früheren Stalag XB detailliert schildern.
Diese Aufzeichnungen haben seine Kinder Blatt für Blatt deutlich vergrößern lassen und zu einem beachtlichen Buchband binden lassen. Das wäre natürlich ein unvorstellbar wertvolles Dokument für die Gedenkstätte Sandbostel sowie für die Lagerstiftung!
Und das Wunder geschieht: Nachdem sich Familie Tiralosi in ihrer Heimatsprache eingehend beraten hat und als Dr. Volland ihnen das von ihm verfasste Buch über das Stalag XB schenkt, überlässt sie ihrerseits der Gedenkstätte dieses Prachtexemplar mit den Aufzeichnungen des ehemaligen Lagerinsassen.
Die italienische Familie Tiralosi verlässt das Sandbosteler Lagergelände nach einer eingehenden Besichtigung und mit vielen neuen Erkenntnissen. Dann tritt sie dankbar und zufrieden die Heimreise in die Ewige Stadt an. Die Stiftung Lager Sandbostel aber ist seit Sonntag um unvorstellbar wertvolle Dokumente reicher.

 
 
Zeichnung von Paolo Tiralosi.   Tina Tiralosi tauscht die schriftlich fixierten Erinnerungen ihres Mannes gegen ein Buch über das Stalag X B.
Ein spannender Moment: Tina Tiralosi tauscht die schriftlich fixierten Erinnerungen ihres Mannes gegen ein Buch über das Stalag XB mit Dr. Klaus Volland (Mitte) und Karl-Heinz Buck aus.
Wertvolle Aufzeichnungen: Paolo Tiralosi hat seine Erlebnisse im Stalag akribisch genau festgehalten.    
 
     

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