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Vier Jahre im Leben eines Nazi-Opfers
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Sonntagsjournal 30. April 2006 |
Franzose Raoul Tourrette war Zwangsarbeiter im Dritten Reich |
Von Stefan Algermissen Der Franzose Raoul Tourrette (85) hat viel mitmachen müssen im Zweiten Weltkrieg: Arbeit in der Resistance, Verhaftung, Gefängnisausbruch, erneute Inhaftierung, Verschleppung nach Deutschland, knochenharte Zwangsarbeit und kurz vor Kriegsende Abtransport nach Schweden. Und das alles mit zwei ständigen Begleitern: unerträglichem Hunger und immer währender Angst, von den Nazis umgebracht zu werden. Trotzdem ist der Franzose überzeugt, dass er viel Glück gehabt hat: „Sonst hätte ich nicht überlebt.“ Es beginnt im Jahr 1940: Gerade 19 Jahre alt ist Raoul Tourrette, als die Deutschen seine französische Heimat besetzen. Weil die Rohstoffe knapp werden, setzt die nazitreue Vichy-Regierung ihn und andere Jugendliche in den Alpen zu Holzfällerarbeiten ein. Dort erhält Tourrette den Tipp, dass die deutschen Besatzer seine Gruppe nach Deutschland verschleppen wollen. „Service de travail obligatoire“ oder kurz STO hieß der Zwangsarbeitsdienst, der ab 1942 eingerichtet wurde, um Arbeitskräfte „ins Reich“ zu verfrachten. Tourrette flieht in die Berge und schließt sich dem Widerstand an. Er wird verhaftet und von einem Sondergericht des Vichy-Regimes zu einer zehnjährigen Haftstrafe im Departement Savoyen verurteilt. „ Vermutlich sind wir verraten worden, weil es damals auch Banditen gab, die sich als Resistance ausgaben, aber in Wirklichkeit Lebensmittel auf den Bauernhöfen stahlen.“ Raoul Tourrette hat Glück: Sein Gefängnisdirektor ist ein Nazigegner und ermög licht ihm die Flucht. Tourrette, der in der Nähe von Bordeaux geboren wurde, schlägt sich nach Marseille durch und schließt sich mit seinem jüngeren Bruder der Resistance an. Dass sein Bruder verhaftet, am 20. Mai 1944 von Nazi-Schlächter Klaus Barbie in Lyon zum Tode verurteilt und wenige Tage später hingerichtet wird, erfährt Raoul Tourrette erst nach Kriegsende. Der Grund: Zum zweiten Mal wird auch er verhaftet. Dieses Mal von der Gestapo. Das Leben rettet ihm ein Luftangriff der Alliierten: Nachdem er mehrfach gefoltert wurde, zerstört eine Fliegerbombe das Gestapo-Hauptquartier in der Rue Paradis in Marseille. Tourrette wird zurück ins Gefängnis verlegt und einen Monat später am 15. Juni per Zug nach Deutschland deportiert. Dass die Alliierten neun Tage zuvor in der Normandie gelandet sind, erfährt Tourrette erst viel später. Vier Tage und vier Nächte stampft der aus Viehwaggons bestehende Zug von Marseille bis an sein Ziel: das KZ- Neuengamme in der Nähe Hamburgs. Weil die Gefangenen während der Fahrt keine Verpflegung erhalten, stirbt ein Drittel während des Transports. Tourrette ist unter den Überlebenden und muss in Neuengamme mit bloßen Händen Elbkähne entladen, die den Hamburger Bombenschutt anlanden. „Schon nach einer viertel Stunde bluteten mir die Hände. Ich dachte:,Diese Arbeit überlebst Du nicht lange.“ Wieder erhält der Zwangsarbeiter einen vielleicht lebensrettenden Tipp. Ein deutscher Küchenangestellter, der ein wenig französisch spricht, verrät ihm, dass die Nazis Spezialisten für die Zwangsarbeit bei der Kriegsmarine suchen. Weil Tourrette ausgebildeter Elektroschweißer ist, bewirbt er sich und wird genommen. Er gehört zu 1.129 Häftlingen, die in den Wilhelmshavener Werften arbeiten sollen. Auch an der Nordsee gleicht das Leben eher einer Folter: um 4 Uhr Wecken, dann drei Stunden Strafstehen vor SS-Wachen, 7 Uhr Abmarsch in die Werft, ab 8 Uhr elf Stunden arbeiten, um 20 Uhr Rückkehr aufs Lagergelände. Anschließend gibt es die erste Mahlzeit des Tages: 100 Gramm Brot und eine Tasse dünne Suppe. Von den gut 1.000 Zwangsarbeitern, die in Wilhelmshaven untergebracht sind, sterben bis zum Kriegsende 242 (davon 124 Franzosen) an Unterernährung. „Viele der Gefangenen hatten so großen Hunger, dass sie ihr Brot mit Motorenöl oder Teer bestrichen. Einige sind daran gestorben. Es gab aber auch einige deutsche Werftarbeiter, die uns mal was zusteckten.“ Als Anfang April die Alliierten immer näher rücken werden die Wilhelmshavener Zwangsarbeiter verlegt. Die eine Hälfte tritt den Weg ins rund 200 Kilometer entfernte Konzentrationslager Bergen-Belsen per Zug an und wird bei Lüneburg von alliierten Fliegern angegriffen, viele der Gefangenen sterben. Raoul Tourrette ist in einer anderen Gruppe, die zu Fuß nach Bergen-Belsen marschieren muss. Rund 30 Kilometer am Tag bei minimaler Verpflegung. Viele kommen unterwegs um. Tourrette übersteht den Gewaltmarsch und gehört zu jenen, die an einem der letzten Kriegsabende gegen 20.30 Uhr im KZ Bergen-Belsen ankommen. Ein russischer Gefangener bietet den völlig ausgehungerten Franzosen ein Stück Fleisch im Tausch gegen Zigaretten an. Doch die ehemaligen Werftarbeiter haben keine Zigaretten. Erst am nächsten Morgen sehen sie, dass das ihr Glück war: Ein Lageraufsehen zeigt ihnen einen Haufen mit Menschenleichen, viele der ausgemergelten Kadaver wurden offensichtlich mit Messern bearbeitet. „Hätten wir etwas zum Tauschen gehabt, wir hätten das Fleisch gegessen. Der Hunger war einfach zu groß.“ Noch am gleichen Tag geht der Transport weiter. Überwiegend zu Fuß, nur auf kleineren Teilabschnitten im Zug bis nach Lübeck. Dort werden die Gefangenen Anfang Mai 1945 auf die „Athen“ eingeschifft. Die SS-Bewacher wollen die Gefangenen nach Schweden ausschiffen, vermutlich, um sich mit ihrer menschlichen Fracht freizukaufen. Auch jetzt entgeht Raoul Tourrette nur knapp dem Tod. Am 3. Mai 1945 werden in der Lübecker Bucht die „CapArkona“ und die „Thielbeck“von den Alliierten bombar „Wir konnten damals gar nicht glauben, dass der Schrecken wirklich vorbei ist. Noch sehr viel später erschien es mir völlig irreal.“
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Auf den Spuren der Vergangenheit |
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61 Jahre nach Kriegsende kehrt Raoul Tourrette dieser Tage nach Deutschland zurück. Auf den Spuren seiner Vergangenheit besucht er jene Orte, an die die Willkür des Nazi-Regimes ihn in den Jahren 1944/45 führte: Wilhelmshaven, Neuengamme und auch Bergen-Belsen. Das ehemalige Stalag XB in Sandbostel gehörte am Mittwoch mit zu seinen Zielen, weil einige seiner Wilhelmshavener Mitgefangenen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges dort inhaftiert waren und vermutlich einige von ihnen dort umkamen. Seine Begründung: „ Ich möchte sehen, wo meine Kameraden untergebracht waren und gestorben sind.“ Klaus Volland, Leiter des Sandbosteler Gedenkstättenvereins, führte Tourrette über das ehemalige Lagergelände mit den alten Barracken, führte ihn durch die Gedenkstätte in Bremervörde und zeigte ihm Filme über das Stalag XB. Für den Gedenkstättenverein war es der zweite französische Besuch in einer Woche. Am vergangenen Sonnabend besichtigte Robert Guerlin vom „ Amical International“ mit französischen Schülern das Lagergelände. Die Jugendlichen hatten die Reise nach Bremen und Hamburg in einem Wettbewerb gewonnen. „Man merkt, dass das Interesse der französichen Jugendlichen an den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges groß ist“, sagt Klaus Volland. |
Klaus Volland (links) zeigt Raoul Tourrette (Zweiter von links) einen Schaukasten mit dem Modell des ehemaligen Stalag XB. Fotos: Algermissen |